17th Mai 2009

Schokogedanken

Auf dem folgenden Text sollte die erste Podcastfolge basieren. Tja, nur, bevor ich zum Aufnehmen gekommen bin, war er nicht mehr aktuell. Die Stimmung stimmte nicht mehr. Dennoch bedeuten mir die Zeilen nach wie vor sehr viel und ihr sollt sie immerhin zu lesen bekommen. Guten Appetit!

Manchmal ist es nicht leicht, die Richtung eigener Gedankengänge zu bestimmen; und, seien wir mal ehrlich, beim Geschirrwaschen zum Beispiel hat man auch nicht unbedingt Bock dazu.

Interessant wird es, wenn man später seine Gedanken an die vorigen Gedankengänge richtet, wenn einem bewusst wird, wie verrückt manchmal die einzelnen Assoziationen sein können. So ging es mir vor kurzem. Korrektur: So geht es mir ständig! Aber nicht jedes Mal stoße ich dabei auf Dinge, die auch laut gesagt (oder als Text veröffentlicht) werden wollen.

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Ich fing mit dem Abspülen an und begann zugleich, an Bücher zu denken. Ich gebe für Bücher in letzter Zeit viel zu viel Geld aus. Es geht nicht nur um die komplette Penthalogie Trilogie in fünf Teilen von „Per Anhalter durch die Galaxis”, nein nein, bei weitem nicht! Es geht zum Beispiel auch um alle vier in Tschechien vor kurzem neu herausgegebenen Bücher meiner lieben guten Betty MacDonald, unter anderem. Es wäre lächerlich zusammenzuzählen, wie viel es mich insgesamt gekostet hat. Allerdings, Bücher sind doch das einzige Eigentum, dessen Sammeln sinnvoll ist! Oder? Nach diesen Büchern habe ich mich so sehr gesehnt und bedaure nun kein bisschen sie endlich zu besitzen. Vielleicht bis auf diesen klitzekleinen Fauxpas. Ich wollte Oliver Twist besitzen, hab ihn mir gekauft, hab es vergessen, wollte ihn wieder besitzen und hab ihn mir wieder gekauft. So besitze ich ihn gleich zweimal, einmal ganz unscheinbar aus einem Billigbücherladen, und einmal alt und duftend aus einem Antiquariat. Doch das wage ich für nebensächlich zu halten.

Es zeigte sich einfach, dass es so nicht weitergeht. Dass ich mich zwar auch weiterhin nicht weigern werde, Bücher zu kaufen, dass ich jedoch auch eine andere Lösung finden muss. Eine Lösung, wie all die Büchertipps von Freunden und überhaupt alles, wonach ich mich sonst so sehne, zu lesen, ohne mich finanziell (und auch platzmäßig) zu ruinieren. Und so schwer war es auch wieder nicht, die Lösung zu finden. Ich habe mich in der Bibliothek angemeldet, basta! Es ist schon Jahre her, seit ich das letzte Mal in der Bibliothek war. Und es war ein seltsames Gefühl, nach einer so langen Zeit wieder freien Zugang zu so vielen Büchern zu haben… Als ich dann wieder durch die Reihen von Bücherregalen strich und von so vielen Bücherrücken angelacht wurde, spürte ich plötzlich etwas Magisches, eine Anziehungskraft, die schon immer da war, die ich jedoch vergessen habe, wahrzunehmen.

Die Anmeldung hatte auch noch einen anderen, wichtigeren Grund. Ich musste mir Zugang zur fachlichen Literatur verschaffen, vor allem wegen Sprachen. Daher hatte ich nicht vor, mir gleicht beim ersten Besuch auch Belletristik auszuleihen. Davon warten zu Hause auf mich noch unzählige Mengen. Doch die magische Anziehungskraft ist nun mal nicht zu überwinden.

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Ich liebe die glücklichen Zufälle, die mich in bestimmten Situationen über die genau richtige Musik, das genau richtige Buch oder den genau richtigen Film stolpern lassen. Etwas normalerweise vielleicht absolut Unauffälliges, wovon ich mich sonst gar nicht angesprochen fühlte. Doch es kommt gerade in der einen Situation, in dem einzig richtigen Augenblick, in dem ich mich dafür vollkommen begeistere. Und so habe ich mir beim ersten Bibliothekbesuch nicht nur die ursprünglich geplanten Fachbücher ausgeliehen. Während des Wartens auf das Erstellen meiner Besucherkarte wurde ich gewissermaßen gezwungen, mir auch die Abteilung der schöngeistigen Literatur anzusehen. Und gleich im ersten Regal, der sich mir in den Weg stellte, befand sich fremdsprachige Literatur - unter anderem viele deutsche Bücher. Aus Neugier habe ich mir all die Titel angesehen - um zu wissen, woran ich mich beim nächsten Mal freuen kann. Neben Kafka, Mann, Goethe und weiteren Klassikern war dort auch… Chocolat. Vielleicht wäre es mir sonst gar nicht ins Auge gefallen, doch es geschah kurz nachdem mir eine Freundin die Fortsetzung dieses famosen Buches von Joanne Harris begeistert empfohlen hatte. Und weil ich lange nichts mehr auf Deutsch gelesen habe und weil ich auch einfach irgendwie Lust auf Schokolade bekommen hab (was mir zehnmal am Tag passiert), musste ich mir das Buch einfach ausleihen. Obwohl auf mich zu Hause Watermelonsugar, Mrs. Woolf und Mrs. MacDonald, Mr. Dickens, Douglas, Salinger, Poe und viele viele andere warten. Ich konnte nicht anders. Und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis ich dem Buch verfallen bin.

Den Film hab ich zwar gesehen, doch es ist schon lange her, und außer dem unter allen Umständen sexy Johnny Depp ist mir nicht mehr viel in Erinnerung geblieben. Und es ist mir auch recht so, denn ich lese Bücher nur ungern erst nachdem ich den Film gesehen habe, dem sie als Vorlage dienten.

Jetzt hab ich das Buch schon durch. Doch schon am Anfang hat es mich bezaubert, und zwar vollkommen! All die schönen, kleinen großen Leute mit ihren offensichtlichen sowie versteckten, aber ganz bestimmt immer durchdachten Charakterzügen, all das nie schwarzweiße Gute und Böse, all das Geheimnis und die zarte Magie, und vor allem die Gedanken. Gedanken, die mir aus der Seele aus beiden Seelen sprechen.

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Es sollte jeden Tag wiederholt werden, von mir aus ruhig tausendmal, es sollten damit Straßen gepflastert und Häuser bemalt werden, es sollte propagiert und unterstützt und verteidigt werden und vor allem sollte man daran glauben, in jedem Moment, immer. Dass es nämlich nicht schlimm ist, sich durch etwas zu unterscheiden, dass es nicht nötig ist, immer der Herde zu folgen, dass man sich nicht dafür zu schämen braucht, wenn man Dinge auf eigene Art macht. Im Gegenteil, dass es schön ist, anders zu sein. Dass jeder Respekt verdienen kann, unabhängig von seiner Herkunft oder seinem Aussehen. Dass das „anders zu sein” der Schlüssel ist. Dass jeder Vorurteil nur Quatsch ist. Dass es weder Säcke noch Schubladen gibt, in die wir nach irgendwelchen sinnlosen Kriterien Menschen stecken können.

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Als ich im Sommer in meinem tschechischen Blog ausgeplaudert habe, dass mich Herbert Grönemeyers „Stück vom Himmel” fast jedes Mal zum Weinen bringt, haben einige meine Leser eher neutral reagiert. Höflich haben sie mir klargemacht, dass sie das Lied überhaupt nicht bewegt. Und dass es wahrscheinlich auch daran liegt, dass sie den Text nicht verstehen. Normalerweise hätte ich nicht viel Verständnis dafür. Normalerweise treibt es mich auch immer wieder in den Wahnsinn, wie mein Vater jede nicht auf tschechisch gesungene Musik ablehnt, weil er sie nichht versteht. Das kommt mir so was von beschränkt, unnötig und… einfach auf den Kopf gestellt vor. Es ist seine Sache, seine Entscheidung, klar, doch verstehen kann ich es nicht. Ich höre auf Englisch, Deutsch, Französisch, Polnisch, Russisch, Hebreisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Norwegisch, Schwedisch, Finnisch, Isländisch gesungene Musik… Und ich sage immer, auf Worte kommt es doch gar nicht mal so sehr an. Ob es in mir Energie weckt, mein Herz zum Rasen bringt oder im Gegenteil das rasende Herz wieder beruhigt, ob es mit meinen Emotionen spielen kann, das ist doch viel wichtiger als der Text allein. Es geht nämlich in erster Reihe um Emotionen, zumindest für mich. Aber - wie dem auch sei, jede Regel muss einige Ausnahmen haben. Und so kann ich doch vollkommen nachvollziehen, warum „Stück vom Himmel” ohne die Kenntnis der Bedeutung nicht ganz so beeindrucken kann.

Und gerade jetzt ist der Text dieses Liedes für mich wichtiger denn je. Es wird zu viel geglaubt und zu wenig erzählt, es sind Geschichten, sie einen diese Welt. Nur als das beste Beispiel.

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Ich hatte es wirklich nötig. Ich hatte bitter nötig, davon zu lesen, wovon Chocolat eben handelt. Von Menschen, die keine Angst haben, aus der Reihe zu tanzen, die ihren Stolz haben, ihren Charme, ihre Ziele und ein offenes Herz, für alle. Allem Glauben und Unglauben, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Einstellungen, Lebensweisen und Idealen zum Trotz. Ich brauchte DIE Geschichte!

Mit einer Kollegin habe ich mich vor kurzem über Bücher unterhalten. Sie mag Reiseberichte, Fachzeitschriften und überhaupt Fachliteratur… Für sie bedeutet Erholung gerade das. Sie sagte mir, sie habe keine Zeit für Belletristik. Sie sagte es nicht mit Verachtung, nein, doch offensichtlich braucht sie es nicht und strengt sich daher auch nicht an, die Zeit dafür zu finden. Jeder ist anders. Ich brauche Geschichten; durch fremde Schicksale zu stöbern, durch fremde Leben, mich von Erfahrungen anderer lehren zu lassen, seien sie real oder fiktiv, mich von neuer Anziehungskraft bezaubern und mich an fremde Orte entführen zu lassen. Ich brauche es ebenso sehr wie das ewige Entdecken. Hochwertige Belletristik hat meines Erachtns einen mindestens ebenso großen Wert wie Fachliteratur. Und je nach dem, wie sie wahrgenommen werden, können sie beide Nahrung fürs Herz sowie für den Kopf darstellen.

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Ein andermal hätte mich Chocolat vielleicht gar nicht so begeistert, ein andermal hätte ich das Buch möglicherweise auch beiseite gelegt. Schwer zu sagen. Doch ich bin gerade jetzt darauf gestoßen, in dem richtigen Augenblick, in dem Moment, in dem mir gerade das helfen konnte, als ich es wie… Schokolade brauchte. Es gab in letzter Zeit zu viele Konfrontationen mit Menschen, die die Sinnlosigkeit der Verdrängung, die Widerlichkeit der Abneigung zu allem Unterschiedlichen bestreiten wollten. Von all dem war ich schon müde und überdrüssig. Ich musste endlich über das Gegenteil lesen, und habe eine sehr wichtige Aufmunterung auf den Seiten gefunden.

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Vielleicht ist das ganze nur ein wirres Durcheinander von Gedanken, das mag sein. Aber ich stehe nun mal zu meinen Gedanken. Ihr müsst damit entweder klarkommen oder aufhören zu lesen. Ich hoffe jedoch, dass ihr auch das nächste wirre Efeublatt lesen werdet. Habt schöne, immer grüne Tage, und lasst eure Gedanken ab und zu auch frei herumlaufen. Wer weiß, was dabei rauskommt! Die Gärtnerin sagt tschüss!

4 Düngungen zu “Schokogedanken”

  1. Jens düngt:

    Ich glaube, dass auch viele Deutsche den Grönemeyer nicht verstehen können. ;-)

    Klingt interessant, die Buchbeschreibung. Habe gerade ein paar andere auf meiner Bücherhalde, aber vielleicht lese ich es irgendwann mal. Deine Gedanken über den Wert der Unterschiede und über Romane kann ich voll und ganz unterschreiben. Und zum letzten Thema solltest du unbedingt mal “Die Stadt der träumenden Bücher” von Walter Moers lesen. Auch wenn’s nicht mehr in den Rucksack gepasst hat. ;-)

  2. Herr Keuner düngt:

    Eine kleine Anekdote zum Thema “Wert” von Büchern: Ein Freund von mir besitzt ein Antiquariat. Eines Tages, ich war gerade bei ihm, kam ein Kunde herein und wollte ein Buch kaufen. Es stand aber nicht im Regal wie die anderen sondern lag abseits auf seinem Schreibtisch. “Dieses Buch hab ich schon lange gesucht. Wie viel kostet es?” “Das Buch ist unverkäuflich. Es ist mein privates.” sagte mein Freund und dachte, das Thema ist nun erledigt. Aber der Kunde war hartnäckig. “Zehn Euro?” “Nein.” “20, 30?” “Ich sage dir, das Buch verkaufe ich nicht.” Dann erzählte der Kunde wie lange er gesucht hat und wie es ihn freuen würde, es endlich zu besitzen. “Ich geb dir 50 Euro.” “Pass auf,” sagte mein Freund.”Ich kann dir das Buch nicht verkaufen. Es bedeutet mir zu viel. Es gehört zu mir. Verkaufen kann ich es nicht, ich würde mich selbst verkaufen wie eine Hure. Aber ich kann es dir schenken. Nimm es mit und habe Freude damit.”

  3. Linde Lund düngt:

    Hallo,

    Betty MacDonald ist eine wudnerbare Autorin.
    Ich suche weltweil Betty MacDonald Fans und habe einen
    Betty MacDonald Fan Club gegründet.

  4. Linde Lund düngt:

    Ich würde mich freuen von Betty MacDonald Fans zu hören.
    Webseite http://bettymacdonaldfanclub.blogspot.com/
    Übrigens, die Interviews mit Betty MacDonald und ihrer Schwester sind großartig. 2009 erschienen auf CD/DVD

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